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Konflikte

Nationalismus im spanischen Baskenland

Ursache und Entwicklung des militanten Nationalismus im Kontext der spanisch-baskischen Geschichte

Moritz Löser ·

Vorbemerkung

Die Separatistengruppe ETA, die einst von baskischen Studenten und jungen Erwachsenen Ende der 50er Jahre als Reaktion auf die völlige kulturelle Suppression der Basken während der Franco-Diktatur in Spanien ins Leben gerufen worden war, genoss bei vielen Basken noch viele Jahre über die Zeit der Diktatur hinaus an einigem Ansehen. Heute haben die ETA-Terroristen jegliche Sympathie, - abgesehen von einer schmalen Minderheit, in der spanisch/baskischen Öffentlichkeit verloren.

Weit über 800 Menschen hat die Organisation bisher seit ihrem Bestehen um ihr Leben gebracht. Nach Ende der Diktatur starben viele Dutzend spanische Polizisten und Militärangehörige, Politiker und ehemalige Politiker, Journalisten und baskische Unternehmer, die auch Mütter und Familienväter waren.

Der ETA-Terror, der noch von einer schmalen, aber einflussreichen nationalistischen Minderheit im Baskenland stillschweigend hingenommen wird, schafft ein unerträgliches öffentliches Klima der Angst und Beklemmnis. Jeder, der sich allzu oft und allzu kritisch gegenüber den Separatisten äußert, muss damit rechnen, ins Fadenkreuz der ETA-Killer zu geraten. Selbst für Hinterbänkler der spanischen Volkspartei PP im baskischen Parlament in Vitoria, ist an ein öffentliches Auftreten ohne Leibwächter nicht zu denken.

Ganz besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung muss deswegen jenen zuteil werden, die sich öffentlich gegen die ETA stellen und ein Ende der Gewalt fordern. (Baskische Initiative BASTA YA!) Aufbau des Beitrags Der Beitrag über den Konflikt im Baskenland ist folgendermaßen aufgebaut: Auf dieser Seite wird nach einer kurzen Einleitung auf die Regionalismusproblematik in Spanien eingegangen. Es soll deutlich werden, dass das Verhältnis der Regionen, insbesondere der wirtschaftsstarken und kulturell verschiedenen Regionen Baskenland (Euskadi) und Katalonien, zum Zentralstaat noch nie frei von Spannungen war. 1 Das ständige Pochen auf mehr Freiheiten und regionale Autonomie wurde seit dem Ende der Demokratie und der Schaffung einer föderalen Staatsordnung weitgehend aufgelöst.

Die nationalistische Gemeinschaft im Baskenland trägt diesen Konflikt heuer im Grunde genommen weiter aus. 2 Sie fordern den Abzug des spanischen Militärs und einen souveränen Baskenstaat. In den weiteren Teilen wird dann die Entwicklung des baskischen Nationalismus im Kontext der spanisch-baskischen Geschichte beschrieben. Ökonomische und ökologische Veränderungen, hervorgerufen durch eine rasche Industrialisierung im Baskenland, veränderten die Gesellschaftsstruktur im Baskenland. Ein Teil der Mittelschicht reagierte darauf mit der Gründung der nationalistischen PNV-Partei, deren Gründer Sabino Arana, eine Rückkehr zu alten Verhältnissen, wie sie vor der einsetzenden Industrialisierung bestanden hatten, forderte.

Einleitung

Die drei baskischen Provinzen Guipuzcoa, Vizkaya und Alava mit der Provinzkapitale Vitoria, bilden zusammen das spanische Baskenland. Das Baskenland ist heuer eine von 17 eigenständigen Provinzen im föderalen Verbund Spaniens. Das seit 1980 geltende baskische Autonomiestatut gewährt der baskischen Verwaltung weitreichende Kompetenzen der regionalen Selbstverwaltung. Die baskischen Bürger kommen in den Genuss vorteilhafter Sonderrechte, die ihnen die Regierung in Madrid zugesteht. Das baskische Autonomiestatut ist das vortrefflichste und modernste seiner Art in ganz Europa. Keine andere Region genießt eine derartige politische Freizügigkeit. So ist es von dieser Warte aus für Außenstehende umso unbegreiflicher, warum eine kleine Minderheit im Baskenland, die augenscheinlich die Separatistengruppe ETA zu unterstützen, bzw. sich nicht deutlich von ihr zu distanzieren scheint, weiterhin unverdroßen unter Inkaufnahme terroristischer Gewaltakte einen unabhängigen baskischen Staat zu verwirklichen sucht. 3 Was wollen die baskischen Nationalisten?

Die baskischen Nationalisten halten nicht nur ein souveränes, von Spanien unabhängiges Baskenland, für erstrebenswert. Ihrem Geschichtsbewusstsein entsprechend, verweisen sie auf das 10. Jahrhundert, als die spanischen und französischen baskischen Provinzen, einschließlich der Region Navarra - die heute eine selbständige Region innerhalb Spaniens bildet, im Königreich von Navarra vereinigt waren (Siehe Kapitel: Geschichte des baskischen Nationalismus im spanisch-baskischen Kontext).

Mit Vorliebe verweisen sie auf die baskische Sprache, - die ein zentrales Moment ihrer baskischen Identität einnimmt und die einzige nicht-indogermanische Sprache Europas ist. Die baskische Sprache, vermutlich gehört sie zu den “ältesten” Sprachen der Welt, belegt für sie in herausragender Weise die Eigenständigkeit ihrer Kultur. So war es immer ein mit aller Macht verfolgtes Anliegen der Nationalisten, die Sprache als zentrales Symbol ihrer Kultur ja nicht verkommen und aussterben zu lassen. Denn wäre diese erst einmal im Nirgendwo verschwunden,

  • so argumentierten auch die ersten ETA-Ideologen, sei die baskische Rasse auf

immer ausgestorben. 4 Die Separatisten fordern ein unabhängiges Baskenland Die baskischen Nationalisten, bzw. Separatisten fordern einen eigenen Staat. Dazu gehören ihrer Meinung nach nicht nur die spanischen baskischen Provinzen, Guipuzcoa, Vizkaya und Alava, sondern auch die auf französischen Territorium liegenden baskischen Schwesterprovinzen Soule, Basse-Navarre und Labourd, sowie die Region Navarra. Verständlicherweise wird das Anliegen der baskischen Nationalisten auf spanischer und französischer Seite nicht mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. So bemüht sich der spanische Staat, nachdem er den Basken politisch weit entgegengekommen war, vor allem um eine Trockenlegung der terroristischen ETA. 5 Die “Nationwerdung” Spaniens und das Regionalismusproblem Spanien ist ein einziger Flickenteppich unterschiedlicher Kulturen und Sprachen. Gerade das Baskenland und Katalonien, wo von Regierungsseite das Sprechen der Ursprachen Baskisch und Katalanisch gefördert wird, sind da die besten Beispiele.

So ist die spanische Geschichte reich an Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen den auf Autonomie bedachten Regionen und dem spanischen “Zentralstaat”. 6 Als äußerst ungerecht und bevormundend empfanden die Regionen an der Peripherie es stets, dass sie, waren sie doch Zentren der spanischen Industrialisierung und Wirtschaftsmacht, politisch kaum etwas mitzubestimmen hatten in Madrid. Als dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts die spanische Herrscherlinie an die französischen Bourbonen überging und diese begannen, nach französischer Art Spanien zu zentralisieren und die Regionen in ihren Sonderrechten zu beschneiden, begann ein Konflikt, der, so scheint es, heute noch von besagter Minderheit im Baskenland weiter ausgefochten wird.

Zur Geschichte der “Nationwerdung” Spaniens Reconquista

  • christliche Rückeroberung Spaniens

Das vielsprachige und multikulturelle Spanien von heute hat seinen geschichtlichen Ursprung in der nahezu 800 Jahre währenden Reconquista, - der christlichen Rückeroberung Spaniens (Siehe Kapitel: Reconquista, die christliche Rückeroberung Spaniens). Von 711 n.Chr. bis 1492 war Spanien in weiten Teilen muslimisch. Die muslimischen Herrscher, die bis auf wenige kleine christliche Königreiche im Norden die Halbinsel beherrschten, brachten die hohen Lehren der Mathematik und der Philosophie der Griechen, Inder und Iraner nach Europa.

Europa verstand es, dieses geschichtliche Erbe aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Die Idee der Natur, die Idee der Vernunft, die Idee der Wissenschaft, die Idee der Freiheit und des Zweifels sind heute noch grundlegende Werkzeuge des Geistes der Europäer. Dieser kritische Geist blieb bis heute eines der großen Vorzüge gegenüber dem Ritualismus oder dem Fundamentalismus anderer Denksysteme, die es nicht verstanden haben, den methodischen Zweifel zu übernehmen. 7 Politische Einheit Die Grundlage für die politische Einigung des Landes legten König Ferdinand von Aragon (gest. 1516) und Königin Isabella I. von Kastilien (gest. 1504). (Siehe Kapitel: Spanien unter den Katholischen Königen) Die nachfolgenden Habsburger Kaiser Karl V. und Philipp II. nutzten die finanziellen Reichtümer der spanischen Kolonien in Übersee zur “Nationwerdung” Spaniens. 8 Auseinandersetzung über den geeigneten Staatsaufbau Die große kulturelle und sprachliche Vielfalt entzündete immer wieder die Frage, wie Spanien am besten zu einen sei. Vom strengen Zentralismus bis hin zu staatsbündischen Vorstellungen reichte dabei die Palette der politischen Vorstellungen. Vor allem das Baskenland und Katalonien, wo heute noch die ursprünglichen Sprachen neben der spanischen Landessprache beherrscht wurden, drängten auf Eigenständigkeit. Während der letzten drei Jahrhunderte kam es in der Folge der politischen Streitereien zu einer Vielzahl regionaler Kleinkriege und Scharmützel. Die ungelöste Regionalismusproblematik war schließlich auch eine Ursache des späteren spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939.

Spanien - eine Föderation von Königreichen “Selbst unter der größten äußeren Machtfülle unter Karl I. existierte Spanien eigentlich nur als Föderation von Königreichen, geeint durch das Herrscherhaus: Aragon und Kastilien waren die Mitgift der Katholischen Könige Ferdinand und Isabella; dazu kamen das Pyrenäenreich Navarra und das lange maurische Granada.” 9 Politische Vereinheitlichung Im 19. Jahrhundert ging die Herrscherlinie auf das französische Geschlecht der Bourbonen über (Siehe Kapitel: Spanien unter der Herrschaft der Bourbonen und: Von der französischen Fremdherrschaft bis zur Republik). Im Spanischen Erbfolgekrieg stellten sich Aragonien und Katalonien daher auf die Seite Karls von Habsburg und mussten nach dessen Niederlage den Verlust ihrer “Cortes” (verfassunggebende Versammlung), der katalanischen Gerichtssprache und andere Privilegien hinnehmen: Spanien wurde von nun an nach kastilischem Gesetz regiert. Nur die Basken und Navarra konnten einige Vorrechte behalten.

Absicht der Bourbonen, - so entsprach es dem französischen Absolutismus - war es, Spanien politisch zu einigen und alle Macht zentralistisch auf einen Machtpunkt hin auszurichten. Die Stärkung der Zentralgewalt übernahmen dann die Liberalen mit der Verfassung von 1812.

Karlistische Kriege Die Basken bangten um ihre regionalen Sonderrechte (Fueros), die seit dem Mittelalter bestanden und ihnen großzügige Sonderrechte, z.B. eine eigene Steuergesetzgebung garantierten (Siehe Kapitel: Fueros). “In den Karlistischen Kriegen des 19. Jahrhunderts verbündeten sich die traditionellen baskischen Herrschaftsklassen Landadel und Kirche mit den Bauern gegen die liberal-bürgerlichen Kreise spanischer und baskischer Geschäftsleute, um für die Beibehaltung ihrer Sonderrechte zu kämpfen. Sie unterstützen Don Carlos, den Bruder des bis 1833 regierenden Königs Ferdinand des VII. gegen dessen Tochter Isabella, die die Interessen der liberal-bürgerlichen Kräfte vertrat und die Macht des Adels beschränken wollte.

wurden die karlistischen Kräfte entgültig geschlagen. Die Basken verloren ihre traditionellen Sonderrechte. Die baskischen Unternehmer dagegen, die während der Fehde die zentralspanischen Kräfte unterstützt hatten, durften ihre wirtschaftlichen Sonderrechte behalten.” 10 Industrialisierung Ende des 19. Jahrhundert begann eine extensive und zügige Industrialisierung im Baskenland. In der unmittelbaren Umgebung von Bilbao, wo reiche Eisenerzvorkommen zu finden waren, begann man diese natürlichen Ressourcen abzubauen.

Die Industrialisierung begann die baskische Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Dort begann sich eine Gegnerschaft zur Industrialisierung zu formieren, weil hier Bauern wie Kleinbürger ihre frühere soziale Position verloren. Das Wirtschaftsbürgertum der Schwerindustrie und die Entstehung eines Industrieproletariats nichtbaskischer Herkunft gefährdete zudem die traditionell katholische Lebenswelt. Die rasche Verdrängung des Baskischen - als nicht-indogermanische Sprache ohnehin nur schwer erlernbar - weckte zusätzliche Überfremdungsängste.

Baskischer Nationalismus In diesem Bilbao des ausgehenden 19. Jahrhunderts begann sich eine Bewegung zu formieren, die später als baskischer Nationalismus bekannt werden sollte. “Als Hauptaufgabe sah der Begründer des baskischen Nationalismus, Sabino Arana, daher die Erhaltung der traditionellen Gesellschaft auf agrarischen Grundlage gegen die korrumpierenden Kräfte “Kastilianisierung, Liberalismus und Sozialismus” - erreicht werden sollte dies durch die Trennung vom übrigen Spanien. Der Erfolg dieser Bewegung war zunächst gering, denn die Nationalisten stellten die Minderheit im eigenen Land.” 11 Hinweis: Kerstin Römhild, Nationalismus und ethnische Identität im spanischen Baskenland Um den Eindruck zu vermeiden, die baskische Geschichte sei eine einzige Aneinanderreihung von Konflikten und Gewalt, sei besonders auf das Buch von Kerstin Römhild, Nationalismus und ethnische Identität, verwiesen. Denn es mag so erscheinen, - so Römhild, als erkläre die abrupte Industrialisierung und der damit einhergehende Gesellschaftswandel im Baskenland und die kulturelle Unterdrückung während der Franco-Zeit, den Ausbruch des militanten Nationalismus. Das wäre zu einfach und würde der komplexen Genese des baskischen Nationalismus nicht gerecht werden. So wie die systemische Psychologie, will sie das abweichende Verhalten eines Menschen “erklären”, versuchen muss, sich in den Menschen hineinzuversetzen, um sein Denken und Weltbild zu verstehen, muss man sich in die Rolle eines nationalistisch-denkenden Basken hineinzuversetzen, um verstehen zu können, was ihn bewegt. Römhild schildert in ihrem besagten Buch sehr ausführlich die Entwicklung des baskischen Nationalismus und beschreibt Identität und Weltbild eines nationalistisch denkenden Basken oder im Baskenland lebenden Menschen. Sie erklärt, warum es aus der Sicht dieser Menschen “angebracht” erschien, sich auf diese gewaltsame Weise gegen die kulturelle Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Ohne die Gewalt damit rechtfertigen zu wollen liefert das Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständiss des baskischen Nationalismus als Ausdruck einer bedrängten kulturell-ethnischen Identität.

Von besonderem Interesse ist dabei für Römhild die Herauskristallisierung einer als spezifisch zu bezeichnenden baskisch-ethnischen Identität. Wer definiert sich als Baske? Welche Merkmale außer der baskischen Herkunft und Sprache entscheiden über eine Zugehörigkeit zur baskischen Gemeinschaft? Da sich viele eingewanderte Arbeiter, die im Zuge der Industrialisierung dringend gebraucht wurden, ebenfalls zu dieser Gruppe zählen, müssen noch andere Merkmale außer der Herkunft entscheidend sein.

Ausgehend von den Ergebnissen der Feldforschungen der Ethnologen Heiberg und Zulaika, beschreibt sie, wie sich im Baskenland während der kulturellen Unterdrückung der Basken durch Franco, eine nationalistische Gemeinschaft parallel zur offiziellen Realität bildete. Römhild beschreibt, wie sich die Basken in ihrer Identität bedroht sahen, und ihnen deswegen Gewalt als ein angebrachtes Mittel erschien, sich zur Wehr zu setzen. 12

Literatur

  • Bernecker, Walther L.: Spanische Geschichte,

  • München: Beck, 1999.

    1. Römhild, Kerstin:
  • Nationalismus und ethnische Identität im ‘spanischen’ Baskenland.

  • Münster/Hamburg, 1994

    1. Ebenda (Anm. 1).
    1. Ebenda (Anm. 1).
    1. Ebenda (Anm. 1).
    1. Ebenda (Anm. 2).
    1. Le Goff, Jacques: Das alte
  • Europa und die Welt der Moderne. München 1996, S.11

    1. Journal Geschichte
  • Geschichte mit Pfiff. Abstieg einer Weltmacht, Ausgabe 7/92.

    1. Ebenda
    1. Römhild, Kerstin:
  • Nationalismus und ethnische Identität im ‘spanischen’ Baskenland.

  • Münster/Hamburg, 1994

    1. Journal
  • Geschichte Geschichte mit Pfiff. Abstieg einer Weltmacht, Ausgabe 7/92.

    1. Ebenda (Anm. 1).
  • Weitere Literatur:

    1. Waldmann, Peter: Ethnischer
  • Radikalismus: Ursachen und Folgen gewaltsamer Minderheitenkonflikte am Beispiel des Baskenlandes, Nordirlands und Quebecs. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1989,

  • S. 67.

    1. Heiberg, Marianne: The Making of the Basque Nation. Cambridge: University Press, 1989.
  • Zulaika, Joseba: Basque Violence: Metapher and

  • Sacrament. University of Nevada Press, 1988.

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