Welthunger: Nehmen Hunger und Elend zu?
Warum in einer Welt des Überflusses Millionen hungern
Es ist paradox, aber die Europäische Union könnte die ganze Welt mit Lebensmitteln versorgen. Die Landwirte in Deutschland, Frankreich und Belgien produzieren mehr Fleisch, Milch und Wein, als wir verzehren können. Selbst die meisten Entwicklungsländer produzieren heute genügend Nahrungsmittel, um ihre Bevölkerung versorgen zu können.
Dass dennoch 800 Menschen hungern, liegt nicht daran, dass es zu wenig Nahrungsmittel gibt. 1 Verschiedene Studien belegen: Selbst während der großen Hungersnöte des 19. und 20. Jahrhunderts gab es sowohl im Land selbst als auch weltweit ausreichend Lebensmittel.
Das Problem, so der indische Wirtschaftswissen- schaftler Amartya Sen, sei die Verteilung: die Lebensmittel kommen nicht beim Endverbraucher an. Die beste Entwicklungshilfe, so Sen, seien dann auch nicht direkte Lebensmittellieferungen, die entmutigten nur die lokale Produktion, sondern Bargeld. Dann können sich die Hungernden an der nächsten Ecke mit dem Nötigsten versorgen. 2 Wo Krieg herrscht wird gehungert Das Elend hat viele Ursachen. Nicht nur Überschwemmungen und Dürre, die die Ernte vernichten, sondern auch Kriege und Bürgerkriege sind für die Hungerkatastrophe verantwortlich.
Dort, wo Menschen durch Staatsterror, Krieg oder Bürgerkrieg daran gehindert werden, Nahrung anzubauen, zu produzieren oder zu kaufen, ist das Elend am größten, so das Fazit offizieller WHO-Untersuchungen über die Ursachen von Hunger. 3 Versagen, Korruption Natürlich spielen Faktoren wie Überflutung und Dürre eine Rolle, aber ohne das Versagen der politischen Elite in den ärmsten Länder ist die Misere nicht erklärbar. Solange die Verwaltungen in den betroffenen Staaten nicht transparenter werden und effektiver arbeiten, verfehlen Entwicklungs- hilfegelder ihre Wirkung; das Geld landet in den Taschen der korrupten Staatseliten, die sich damit einen hohen persönlichen Lebensstil leisten und ihre Privatarmeen unterhalten. 4 Verantwortung der Industrienationen Dies entlässt die reichen Industrienationen nicht aus ihrer Verantwortung. Subventionen, hohe Importzölle und Einfuhrbeschränkungen verhindern, dass die armen Länder ihre Exporteinnahmen erhöhen können. Zwar predigen die Vertreter der reichen Staaten öffentlich den Freihandel, sobald der heimische Markt aber von billigen Produkten aus dem Ausland bedroht wird, werden die Schotten dicht gemacht. 5 Immer weniger Menschen hungern Ihre Versprechen, die Zahl der Hungernden bis 2015 auf 400 Millionen zu halbieren, werden die Geberländer wohl nicht einlösen können. Jährlich sinkt deren Zahl nur um sechs Millionen, das vierfache wäre nötig, um das gesteckte Ziel zu erreichen. 6
Quellenangaben
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- Walter Krämer, Götz Trenkler: “Hungersnöte entstehen durch zuwenig Nahrungsmittel”,
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Lexikon der populären Irrtümer, München 1998, S. 171.
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- Amartya Sen: “Poverty and
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Famines, Oxford 1981; “Famine? What Famine?”, The Economist, 24.6.1995 in: Krämder, Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer,
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- R.D. North: Life on a Modern
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Planet, 1995 in: Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Lexikon der
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Ökoirrtümer, München 2000, S.441f.
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- Axelle Kabou: Weder arm noch ohnmächtig - Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weiße
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Helfer, Basel, 1993
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- G. Faltin, J. Zimmer: Reichtum von
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Unten - Die neuen Chancen der Kleinen, Berlin, 1995
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- “Magere
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Bilanz”, Süddeutsche Zeitung, 10.6.2002