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Draußen vor der Tür

Über 800 Millionen Menschen leiden Hunger

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1974 hatte man noch Visionen. Damals verkündete die Welternährungskonferenz, dass es innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich sein werde, alle Menschen satt zu machen. Mehr als zwanzig Jahre später, auf der Welternährungskonferenz in Rom 1996, nach unzähligen Hilfsprogrammen, die allesamt enttäuschend wenig gegen Hunger und Unternährung vermochten, war man realistischer in der Einschätzung.

Man sei schon zufrieden, verkündeten die Regierungsemissäre, wenn es gelänge, die Anzahl der Hungernden bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren. Ob man diesen Erwartungen entsprechen kann, wird sich zeigen. Minimum 2400 Kalorien Energiezufuhr Zum Überleben braucht jeder Mensch im Durchschnitt, der Wert hängt ab von der Klimazone und der körperlichen Belastung, zwischen 2400 und 2700 Kalorien. Wird dieses Bedarfsminimum unterschritten, spricht man von Hunger.

Unter dieser kritischen Grenze von 2400 Kalorien leben derzeit über 800 Millionen Menschen. 30 Millionen Hungertote 1999 In ihrem Bericht für das Jahr 1999 schätzte die FAO, die Food and Agricultural Organisation (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), dass 1999 mehr als 30 Millionen Menschen verhungert sind. Die Zahl der Menschen, die im gleichen Zeitraum an chronisch schwerer Unterernährung litten, beziffert die UN-Organisation mit mehr als 828 Millionen. Hinter dieser Zahl steht ein Heer erbarmungswürdiger Menschen, die, wenn sie nicht in den letzten Zügen liegen, an schweren Behinderungen infolge von Unterernährung leiden. Eine Folge von Unterernährung ist die Blindheit. Seit 1980 erblinden jedes Jahr im Durchschnitt sieben Millionen Menschen. Diese Zahl ließe sich drastisch herunter schrauben, wenn z.B. Kleinkinder regelmäßig mit dem für die Augenfunktion notwendigen Vitamin A ausreichend versorgt würden.

Asien ist am meisten betroffen Die Zahl der Hungerleidenden steigt unaufhörlich an. 1990 litten noch 822 Millionen Menschen Hunger, 1999 waren es schon 828 Millionen. Man kann diese Zahlen auf zweierlei Weise deuten. Erstens, die Zahl der Hungertoten steigt jährlich weiter an. Zweitens, gemessen an der Bevölkerungsentwicklung, ist die Anzahl der Opfer extremer Unterernährung leicht gesunken.

1990 litten 20 Prozent der Weltbevölkerung Hunger, 1999 waren es „nur“ noch 19 Prozent. Insbesondere in Süd- und Ostasien - Asien ist der Kontinent, der, gemessen an absoluten Zahlen am meisten von Hunger betroffen ist (550 Millionen Hungerleidende) - gehen die Zahlen leicht zurück.

Hungersnöte entstehen nicht durch zuwenig Nahrungsmittel Hunger existiert nicht einfach deshalb, weil es nicht genügend Nahrungsmittel geben würde. Die Produktion würde sogar ausreichen, mehr als das doppelte der aktuellen Weltbevölkerung zu ernähren.

Während der großen Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts gab es weltweit und im betroffenen Land genügend Nahrungsmittel. 1845 starben in Irland rund eine Millionen Menschen den Hungertod, aber nicht deswegen, weil es zuwenig zu essen gegeben hätte. Die steuerpflichtigen irischen Landbauern mussten alles Fleisch und Mehl an die englischen Landherren und die Kirche abgeben. Als Hauptnahrungsmittel blieb ihnen nur noch die Kartoffel. Als es dann zu einer großen Braunfäuleepidemie kam, und fast die gesamte Kartoffelernte vernichtet wurde, kam es zur Katastrophe.

“Das eigentliche Problem bei Hungerkatastrophen, so der Harvard-Wirtschaftsprofessor Amartya Sen, ist nicht die Menge der Nahrungsmittel, sondern die Verteilung: Obwohl es prinzipiell für alle ausreichend genügend zu essen gibt, bleiben die Brotkörbe oder Reisschüsseln vieler Menschen leer - die Nahrungsmittel finden nicht den Weg zum Endverbraucher” (W. Krämer, G. Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer, S. 172).

Während der 1974er Hungersnot in Bangladesch gab es im Land selber genügend Reis. Eine verheerende Überschwemmung hatte landwirtschaftliche Anbauflächen vernichtet. Zehntausende Tagelöhne verloren ihren Job. Obwohl es noch genügend Reisvorräte aus dem Vorjahr in den Speichern gab, konnten Tausende den Preis nicht bezahlen und starben.

Das beste Mittel gegen Hunger ist Bargeld “Das beste Mittel gegen Hunger, so Sen, ist nicht eine direkte Lebensmittelhilfe; diese beruhigt im wesentlichen nur das westliche Gewissen, entmutigt aber die lokale Produktion und macht so die Lage letzten Endes nur noch schlimmer. Das beste Mittel gegen Hunger ist Bargeld für die Hungernden - dann können sie sich ihr Essen ganz einfach wieder an der nächsten Ecke kaufen” (W. Krämer, G. Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer, S. 172).

Humanitäre Hilfe kostet viel Geld und ist schwierig zu organisieren Es ist nicht damit getan, einem Hungernden ein Stück Brot oder eine Schale Reis zu reichen. Der Organismus des Hungernden ist derart geschwächt, der Stoffwechsel so verändert, dass er daran sterben würde. Diese Menschen benötigen Seren und Spezialnahrung, viele könnten gar nur intravenös ernährt werden, so geschwächt sind sie. Solche humanitären Operationen sind, einmal davon abgesehen, dass sie schlicht unbezahlbar sind, auch logistisch nicht hinzubekommen.

World Food Program In den Anfängen des WFP, des World Food Program (Welternährungsprogramm), sammelten die reichen Industrienationen noch ihre Nahrungsüberschüsse, um sie dann in die Regionen zu transferieren, wo es an Nahrungsmittel fehlte.

Das führte dann allerdings dazu, dass etwa überschüssiges Getreide aus den USA nach Asien transportiert wurde, wo die Menschen traditionellerweise nur Reis gewohnt sind. Anschließend konzentrierte man sich darauf, die Nahrungsüberschüsse in einem dem Hungerland nahen Land aufzukaufen, um die langen Transportkosten einzuschränken.

Heute kann sich das WFP nur auf die absoluten Härtefälle, wie in den letzten Jahren etwa Somalia oder den Senegal, beschränken. Wenn also in Europa die Menschen Hunger leiden, wie das etwa in den 90er Jahren in Georgien der Fall war, kann das WFP dort nichts tun, weil die Zustände in einigen afrikanischen Staaten noch schlimmer sind, und man sich deshalb darauf konzentrieren muss. Dazu kommt, dass, je nach Erntesaison, nicht genügend Getreide- oder Reisvorräte in den Kornspeichern vorhanden sind. Wenn es zu solch einem Mangel kommt, schnellt der Getreidepreis rapide in die Höhe, denn diese Nahrungsmittel werden auf dem Weltmarkt gehandelt. Das führt dann dazu, dass afrikanische Staaten Nahrungsmittel zu horrenden Preisen einkaufen müssen, oder sie schlicht nicht bezahlen können.

Armut ist eine Ursache von Hunger Eine Ursache des Hungers ist Armut. Die meisten der von Hunger betroffenen Staaten sind zu arm, um ausreichend Nahrungsmittel einkaufen zu können. Leider ist es jedoch auch so, dass insbesondere einige afrikanische Staaten, die viele Millionen Dollar Entwicklungshilfe bekommen, dieses Geld zweckenfremden. Die Hilfsorganisationen spenden also Geld, ohne dessen spätere Verwendung zu kontrollieren. Allzu oft verschwinden die Dollars dann in anderen Kanälen oder fließen in die Taschen kleptokratischer Herrscher und deren korrupten Beamten. Im Durchschnitt geben diese Länder mehr als fünfmal so viel Geld für militärische Zwecke aus, als sie Entwicklungshilfe erhalten. Es wäre also sinnvoll, die Spende von Geldern an bestimmte Bedingungen zu knüpfen, z.B. den Militärhaushalt auf 2 Prozent des BIPs zu beschränken.

Drei Viertel der Hungernden leben auf dem Land Drei Viertel der armen und hungernden Menschen leben auf dem Land, ein Viertel in den überquellenden Elendsquartieren der Megastädte in der Dritten Welt. Aus Armut und auch Unwissenheit werden Böden zu sehr strapaziert und laugen aus. Die Menschen müssen dann ihre Scholle verlassen und verstärken das Heer der Unglücklichen in den Großstädten.

Weitere Auslöser für Hunger und Unterernährung sind neben Armut, Krieg und Naturkatastrophen wie die fortschreitende Verwüstung und die Rodung des Regenwaldes, z.B. in Brasilien. Reiches Land - und die Bevölkerung verhungert Es gibt einige Länder, deren Bevölkerung hungert, obwohl das Land mit Bodenschätzen reich gesegnet ist. Ein Beispiel ist der Kongo, Angola, Russland oder auch Brasilien.

Beispiel Russland In Russland war die Lebenserwartung der Menschen vor dem Zerfall der Sowjetunion noch in etwa gleich groß wie in Europa oder Amerika. Heute liegen die Männer in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in der Statistik der voraussichtlichen Lebenserwartung an 135. Stelle, die Frauen an 100.

Stelle. Nach dem Zerfall des Riesenreiches hat der Sturm der wilden Liberalisierung, der das Land erfasst hat, die staatlichen Sicherungssysteme ebenso wie die künstlich aufrecht erhaltende Kollektivwirtschaft davon gefegt. Zehntausende Menschen, entlassen aus dem Schutzraum des Staates, verloren ihren Arbeitsplatz.

Beispiel Kongo Gemessen an seinen Bodenschätzen gehört das afrikanische Land Kongo zu den reichsten Staaten der Erde. Im Lande selbst herrscht seit Jahren ein wilder Bürgerkrieg. In unüberschauberer Weise führen Privatarmeen, Rebellenheere und ausländische Staatsarmeen gegeneinander Krieg. Keiner der beteiligten Soldaten weiß noch, warum der Krieg begonnen wurde und wer hier eigentlich warum gegen wen kämpft. Der Erlös aus dem Verkauf der Diamanten, die das Land im Übermaß besitzt, werden selbstredend in den Kauf neuer Waffen statt in staatliche Programme zur Hungerbekämpfung investiert.

Beispiel Brasilien Seit den späten sechziger Jahren beutet eine Gruppe ausländischer Wirtschaftsoligarchen und inländische Großinvestoren das südamerikanische Land Brasilien aus. Auf Teufel komm raus werden dort Nahrungsmittel produziert und nach Amerika und Europa geliefert, obwohl wir hierzulande an Produktivität ersticken und die Europäische Kommission den Bauern Geld zahlt, damit sie nicht zuviel Milch und Fleisch produzieren. Finanziert werden diese großkapazitären Projekte, die, wie z.B. die riesigen Staudämme obendrein die Umwelt zerstören, auf dem Rücken der armen Bauern Brasiliens. Die Löhne sind derart niedrig, dass die Arbeiter davon nicht leben können.

Produziert wird ohnehin nur fürs Ausland, die Bevölkerung hat praktisch nichts davon. Obwohl das Land zu den größten Getreideexporteuren der Welt zählt, verhungern dort vor allem im Nordosten jedes Jahr viele tausend Menschen. Wie kann man den Hunger besiegen?

Wie oben schon erwähnt wurde, ist der beste Weg, den Welthunger zu besiegen nicht Lebensmittelhilfe, sondern Bargeld. Solange viele Entwicklungsländer weiter überschuldet sind, besteht wenig Hoffnung, dass sie genügend Nahrungsmittel für ihre Bevölkerung einkaufen können. Viele dieser Dritte-Welt-Staat sind nicht nur verschuldet, sondern überschuldet. Das ist ein Unterschied.

Sie sind nicht einmal in der Lage, die Schuldzinsen zu bezahlen, die im Laufe der Zeit exponentiell anwachsen und den Schuldenberg immer größer werden lassen. Solange die reichen Industrienationen ihnen nicht die Schulden erlassen, auf die sie im übrigen nicht angewiesen sind, haben diese armen Staaten kaum eine Chance auf eine eigenständige Entwicklung.

Doch auch die Regierungen der Entwicklungsländer trifft eine Mitschuld am Leid ihrer Bevölkerung. Zu häufig werden Entwicklungshilfegelder zweckentfremdet und fließen in die Taschen der herrschenden Elite, anstatt in den Aufbau der Infrastruktur des Landes gesteckt zu werden.

In Afrika gibt es dafür viele Beispiele. So sind z.B. die ehemaligen französischen Kolonien in Zentralafrika von der EU und Frankreich in den letzten Jahrzehnten großzügig mit Geld bedacht worden und sind nicht schneller gewachsen als ihre Nachbarstaaten, die weniger Hilfe bekamen. (The Economist: Down the Rathole, 10.12.1994)

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