Macht Globalisierung glücklich?
Für und Wider der Globalisierung
Wir sind heute freier und reicher als jemals zuvor in der Geschichte. Doch sind wir auch glücklicher? Macht Geld glücklich? Nicht zu Unrecht wird darüber seit langem gestritten. Nach jahrelangen Studien haben Psychologen in den USA jetzt Licht ins Dunkel gebracht: Danach gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt eines Landes, also dem Wohlstand der Bürger, und dem seelischen Befinden der Bevölkerung.
Allerdings lässt sich nicht automatisch von einem hohen Lebensstandard auch auf hohe Zufriedenheit schließen. Etwa ab einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 10.000 US-Dollar jährlich, das haben Untersuchungen ergeben, scheint sich das Wohlbefinden der Menschen deutlich zu steigern. Ein höheres Einkommen führt aber nicht zwangsläufig auch zu größerer Zufriedenheit. So wuchs das Bruttosozial- produkt Amerikas zwischen 1975 und 1995 um 43 Prozent, ohne dass sich das in einer höheren Zufriedenheit der Bürger niedergeschlagen hätte.
Macht Geld alleine glücklich? Glücksforscher wie der Amerikaner Ed Diener fragen nicht nur nach dem materiellen Lebensstandard, sondern beziehen auch andere Lebensumstände in ihre Forschungen ein. Insbesondere politische Umstände scheinen demnach eine große Rolle zu spielen. So sind Menschen, die in demokratischen Staaten leben, eindeutig glücklicher als Menschen, die unter unfreien Bedingungen leben. Nirgendwo waren während des Kalten Kriegs die Menschen niedergeschlagener als in den Ostblockstaaten und der Sowjetunion.
Meist gilt: wirtschaftliche Reformen bringen politische Reformen mit sich. Wirtschaftlicher Aufstieg führt also meist zu mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung, weniger Korruption und Verletzung von Menschenrechten. Länder wie Mexiko, Südkorea und Taiwan, die marktwirtschaftliche Reformen durchführten und so den Lebensstandard der Bevölkerung steigern konnten, sind dafür ein gutes Beispiel.
Nützt Globalisierung nur den Reichen? Wenn man nun die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für ein glückliches Leben in Beziehung setzt zu den politischen und wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung, kann man dann die Frage beantworten: Ist Globalisierung gut oder schlecht, oder: Macht Globalisierung glücklich?
Der amerikanische Wissenschaftler Robert Wright ist dieser Frage nachgegangen und hat erstaunliches zutage gefördert. Grundsätzlich gilt: Alle am internationalen Handel beteiligte Staaten gewinnen, wenn der Handel zu gleichen Bedingungen abläuft. Der Satz “Globalisierung nützt nur den Reichen” ist eine Legende.
So konnten die (nicht erdölexportierenden) Entwicklungsländer ihren Anteil am Weltexport zwischen 1975 und 2000 von 18 auf etwa 30 Prozent steigern. In absoluten Zahlen gemessen sind die armen Länder dieser Erde heute weniger arm als noch vor zehn Jahren.
Zwar sind die Einkommensunterschiede zwischen reichen und armen Nationen weiter angestiegen. Schuld an diesem Auseinanderklaffen ist aber nicht die Globalisierung. Wie die Wirtschaftswissen- schaftler Jeffrey Sachs und Andrew Warner schon vor Jahren gezeigt haben, haben jene Entwicklungsländer, die sich für sich für ausländische Investoren geöffnet haben, am meisten von der Globalisierung profitiert. Die ärmsten Länder der Welt sind so arm, nicht weil zu viele, sondern weil zu wenige ausländische Firmen dort investieren. Dank marktwirtschaftlichen Reformen ist es in Südost- und Ostasien so gelungen, die Armut drastisch zu senken.
Werden Reiche reicher und Arme ärmer? In einigen Länder hat sich Armut weiter ausgebreitet. Diese Nationen tragen dazu bei, dass sich die Einkommensunterschiede zwischen reichen und armen Ländern weiter verschoben haben. Sieht man aber einmal von politischen Grenzen ab und richtet den Blick auf die Anzahl der Menschen insgesamt, ergibt sich ein freundlicheres Bild. So hat Bernard Walson von der Century Foundation errechnet, dass sich der Anteil der ärmsten zehn Prozent am Welteinkommen zwischen 1965 und 1997 von 0,3 auf 0,5 Prozent vergrößert hat. Das erscheint immer noch lächerlich wenig. Zum Vergleich: das Einkommen der reichsten zehn Prozent stieg im selben Zeitraum von 50,6 auf 59,6 Prozent. Dennoch: 1965 verdienten die reichsten zehn Prozent 160 mal mehr als die ärmsten zehn Prozent.
Seitdem ist ihr Anteil auf 127 Anteile gefallen. Der Kampf gegen die Armut zeigt Erfolge. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen, der Weltbank, der OECD und dem Internationalen Währungsfonds, der im Juni veröffentlicht wurde, ist die Zahl der Menschen, die von weniger als 1 Dollar pro Tag leben, zwischen 1990 und 1998 um 100 Millionen gefallen. Dennoch: die Zahl der Armen ist unvermindert hoch: 1,2 Milliarden leben nach Angaben der Weltbank von weniger als 1 Dollar am Tag. Dennoch ist ihre Zahl um 100 Millionen gesunken, trotz des enormen Bevölkerungswachstums gerade in den ärmsten Ländern der Erde.
Nützt Globalisierung den Armen? Zusammengefasst: Länder, die sich für die Globalisierung öffnen, steigern den Lebensstandard ihrer Bevölkerung. Armut und Hunger nehmen ab, auf wirtschaftliche Reformen folgen politische Reformen. Arme Länder profitieren besonders von den Folgen der Globalisierung. Denn übersteigt das durchschnittliche Jahreseinkommen 10.000 US-Dollar, erhöht sich auch die Zufriedenheit der Menschen. Oberhalb dieser Grenze scheint dieser Zusammenhang nicht mehr zu gelten: In Nordamerika und Europa, wo der Wohlstand in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen ist, hat die Zufriedenheit der Menschen nicht in dem selben Maße zugenommen. Eher im Gegenteil. Nicht umsonst spricht man in Deutschland von der Volkskrankheit Depressionen.
In diesem Lichte gesehen: Ist also Globalisierung auf jeden Fall gut für die Armen, und in vielen Fällen schlecht für die Reichen? Kaufen, Kaufen, Kaufen Wenn das zutreffen sollte, wenn uns jeder Euro, den wir mehr verdienen, nicht auch zufriedener macht, warum arbeiten wir dann so hart?
Menschen streben bekanntlich nach immer mehr: mehr Einkommen, mehr Macht, mehr Einfluss. Evolutionsbiologen sagen uns warum: wir tun das nur, um unsere Stellung in der Gesellschaft zu verbessern. Verbessert sich aber meine Stellung, verschlechtert sich die Position eines anderen. Den Posten des Vorsitzenden gibt es eben nur einmal. Oder anders ausgedrückt:
Des einen Freud ist des anderen Leid. In reichen Länder ist das Streben nach materiellem Glück deswegen ein Nullsummen- spiel. Verdiene ich mehr, bin ich vielleicht glücklicher. Dadurch verliert aber ein anderer, die Gesellschaft als ganzes wird dadurch nicht zufriedener. Gewinn und Verlust heben sich gegenseitig auf.
Für arme Länder gilt das nicht. Zwar gilt auch dort die Beziehung zwischen Einkommen und Glück. Weil aber der steigende Wohlstand in armen Ländern mehr Zufriedenheit mit sich bringt, ist das Spiel zwischen den Bürgern kein Nullsummenspiel. Wenn arme Menschen für höhere Einkommen kämpfen, können sie sich im Endeffekt mehr Dinge leisten und steigern ihre Zufriedenheit, ohne die anderer zu schmälern. Mehr noch: gelingt es einzelnen, ihren Wohlstand über die Maßen zu steigern, profitieren alle davon, weil die Nation als ganzes damit auf mehr Menschenrechte, mehr Freiheit und Demokratie zusteuert.
Auch in der Beziehung zwischen reichen und armen Länder ist das Streben nach Reichtum und Glück kein Nullsummenspiel. Denn wenn der Familienvater, Arbeiter bei DaimlerCrysler, Überstunden schiebt, um die neue Familienlimousine bezahlen zu können, geht ein Teil des Kaufpreises in ein Entwicklungsland, weil bestimmt irgendein Teil des Autos dort gefertigt wurde. Die Netto-Zufriedenheit steigt deswegen immer an, wenn auch, wie in diesem Fall, nicht unbedingt in Deutschland, sondern irgendwo in Südasien.
Die Folgen der Modernisierung Die Globalisierung schreitet rasch voran. Für die Entwicklungsländer vielleicht zu schnell. Denn man darf eines nicht vergessen: Was bei uns zwei Jahrhunderte dauerte, der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat, vollzieht sich in Teilen der Welt in geradezu atemberaubenden Tempo. Viele Menschen können mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Sie verlieren plötzlich ihre Arbeit, weil ihr Können nicht mehr zeitgemäß ist. Auf der Suche nach Arbeit sind sie gezwungen, in die Städte abzuwandern.
Herausgerissen aus ihren gewohnten sozialen Strukturen, in einer fremden, oft unwürdigen Umwelt, sind sie besonders anfällig für soziale Krisen. Wie gesagt, diese Entwicklung haben wir auch durchgemacht. Nur haben wir uns dabei sehr viel mehr Zeit gelassen. Auch in Europa und Nordamerika war die erste Phase der Industrialisierung eine Zeit sozialer Nöte und großer Umbrüche.
Erst mit der Zeit haben sich die Lebensbedingungen verbessert. Arbeiter haben sich organisiert und zusammen Rechte und Sicherheiten erstritten. Langsam und über Generationen verteilt stieg auch der Wohlstand der unteren Schichten und allen geht es heute um ein Vielfaches besser wie noch vor hundert Jahren.
Viele der Entwicklungsländer, die beginnen sich der Globalisierung zu öffnen, sind bäuerlicher geprägt als Amerika am Ende des 19. Jahrhunderts. Von ihnen wird verlangt, von heute auf morgen nicht nur ins Industrie- sondern gleich ins Informationszeitalter überzuwechseln. Dabei haben sogar die entwickelten Industrienationen so ihre Schwierigkeiten mit den Errungenschaften des Infozeitalters. Doch die Erfahrung zeigt: die Bereitschaft zu wirtschaftlichen Reformen, das Öffnen des Landes für die Globalisierung führt letzten Endes zu mehr Wohlstand und Freiheit für alle.
Um noch einmal auf uns zurückzukommen. Wer versucht, allein durch Steigerung seines materiellen Wohlstandes zu mehr Glück zu finden, spielt letztlich ein Nullsummenspiel. Geld alleine macht eben doch nicht glücklich. Freunde und soziale Beziehungen gehören unbedingt zu einem glücklichen Leben dazu. Weniger Zeit auf der Arbeit, dafür mehr Zeit für Geselligkeit senkt zwar die Produktion und schmälert die Einkommen in den aufstrebenden Entwicklungsländern. Dafür aber verringert sich das Tempo der Globalisierung, und den Menschen in den Drittweltländern bleibt mehr Zeit, mit den Umwandlungen zurechtzukommen.
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